In Aldreth gab es ein Gesetz, das älter war als der Königsthron: Wer eine Karte zeichnet, muss jeden Weg darauf mit eigenen Füßen gegangen sein. Ilva hatte sich ihr Leben lang daran gehalten. Jede Linie auf ihren Pergamenten war ein Pfad, den sie gelaufen war, jeder Punkt ein Ort, an dem sie geschlafen hatte.
Deshalb ergab es keinen Sinn, was sie an diesem Morgen auf ihrem Arbeitstisch fand.
Ihre neueste Karte – die der östlichen Täler, noch feucht von der Tinte des Vorabends – hatte sich über Nacht verändert. Am Rand, dort, wo die bekannte Welt in leeres Pergament überging, waren neue Linien entstanden. Ein Fluss, der sich durch die Nebellande schlängelte. Ein Pass zwischen zwei Gipfeln, die niemand je bestiegen hatte. Und am Ende des Passes ein winziger Turm, daneben in ihrer eigenen Handschrift ein einziges Wort: „Komm.“
Ilva hatte die Nebellande nie betreten. Niemand, der sie betrat, war je zurückgekehrt.
Sie hielt die Karte gegen das Licht. Die Tinte des Turms glänzte noch, als wäre sie gerade erst getrocknet. Und während Ilva hinsah, zog sich langsam, Strich für Strich, eine neue gestrichelte Linie über das Pergament – vom Turm aus geradewegs auf ihr Haus zu.
— Die Chronistin